Bahá‘i

Spenden
Haftungsausschluß

Statistik

Rund fünf Millionen Gläubige verkörpern heute weltweit die Bahá'í-Glaubensgemeinschaft. Sie stammen aus über 2'100 Ethnien, Rassen und Stämmen und sind in 236 Ländern und abhängigen Gebieten der Welt tätig.
Die Encyklopaedia Britannica nennt sie die geographisch – nach dem Christentum – am weitesten verbreitete Religionsgemeinschaft der Welt.

Geschichte

Die Bahá‘i-Religion ist aus dem schiitischen Islam Persiens hervorgegangen. Die Schiiten, eine der beiden großen Strömungen des Islams, erwarten die Wiederkehr ihres letzten geistigen Oberhaupts, Muhammad ibn-Hasan, der nach schiitischer Überzeugung nach seiner Ernennung zum Imam 873 n.Chr. der Erde entrückt wurde und als Imam Mahdi "in der Fülle der Zeit" die Herrschaft Gottes auf Erden errichten wird. Bis dahin sind die schiitischen Geistlichen Verwalter des religiösen Lebens, während die politischen Herrscher die jeweilige staatliche Gewalt stellvertretend ausüben. Imam Mahdi wird nämlich als irdischer Herrscher sein Reich antreten. Das Verhältnis gläubiger Schiiten zur Staatsmacht ist deshalb nicht konfliktfrei.


Babismus

1844 verkündet der Kaufmann Sayyid Ali Muhammad (1819-1850), besser bekannt unter dem Namen Hazrat-i Bab, das baldige Kommen Imam Mahdis. "Bad" bedeutet "Pforte", und Ali Muhammad versteht sich auch als Tor zum Imam Mahdi. Allerdings bezeichnet er sich bald selbst als Messias und setzt dem Koran eine eigene heilige Schrift, die er "Bayan" (Erklärung) nennt, entgegen. Im Juli 1850 wird er deshalb öffentlich exekutiert, seine Anhänger werden grausam verfolgt. Man schätzt, dass über 20.000 Menschen dabei umkommen. Es gelingt ihm aber noch, vor seinem Tod einen Nachfolger, Mirza Yahya (1830-1912), auch Subh-i Azal ("Morgen der Ewigkeit") genannt, zu ernennen. Dieser vermag aber – auch auf Grund seiner Jugend von nur 19 Jahren –, die stark geschwächte Gemeinde nicht zu leiten. Er übergibt deshalb seinem um 13 Jahre älteren Halbbruder Husain Ali Nuri (1817-1892) die Leitung, der die Anhängerschaft wieder neu um sich zu scharen versteht. 1853 werden die beiden Brüder aus Persien verbannt und gehen für 15 Jahre ins Exil nach Bagdad, Istanbul und Edirne. Bald kommt es zum Zerwürfnis der beiden. Husain Ali Nuri beruft sich auf ihm von Gott zuteilgewordene "Offenbarungen", nennt sich Baha‘u‘llah ("Herrlichkeit Gottes") und bezeichnet sich ab 1866 als der verheißene Mahdi. Die Konflikte zwischen den beiden Brüdern führen schließlich zu Gewalttaten, sodass die osmanische Regierung beide verbannt, Subh-i Azal nach Zypern und Baha‘u‘llah nach Akka in Palästina. Die Anhänger seines Bruders verlieren zunehmend an Bedeutung und leben heute nur noch in kleinen Gruppen.
Nach dem Tod Baha‘u‘llahs übernimmt Abdul Baha ("Diener der Herrlichkeit") (1844-1921) die Führung. Er verlegt seinen Sitz von Akka nach Haifa. Ab 1911 verbreitet er die Bahá‘i-Lehre vor allem in den USA, wo er bedeutende Persönlichkeiten gewinnt (z.B. die Milliardärin Edith Rockefeller). Ihm folgt sein Enkel Shoghi Effendi (1871-1957) als "Hüter der Sache Gottes". Nach seinem Tod entbrennt abermals ein heftiger Nachfolgestreit, der erst mit der Errichtung eines neunköpfigen Führungsgremiums im Jahr 1963 beigelegt werden kann. Vom iranischen Staat erhalten die Bahá‘i bis heute nicht ihre Religionsfreiheit zurück. Auch in den meisten anderen islamischen Staaten unterliegen sie entweder einem Totalverbot oder zumindest starken Einschränkungen.


Lehre

Steht der Babismus noch weitgehend in der Tradition des schiitischen Islam, so sieht sich der Bahá‘ismus als die Vollendung aller universellen Bekenntnisse, also des Hinduismus, des Buddhismus, des Judentums, des Christentums und des Islams. Gott ist die absolute Transzendenz, er spricht durch seine Propheten, zu denen auch Muhammad und Jesus zählen. Alle Religionen sind Ausfluss des göttlichen Ratschlusses. Während aber alle übrigen Religionen ihre Daseinsberechtigung verloren haben, ist der Bahá‘ismus die in der momentanen Gegenwart entscheidende Religion. Alle anderen Religionen werden abgelehnt.


Kitab al-Aqdas

Das wichtigste Offenbarungswerk der Bahá‘i ist das Kitab al-Aqdas, das "Heiligste Buch". Es enthält das bahá‘istische Religionsgesetz, das das islamische Recht, die Shari’a, ersetzt. Es entsteht 1875, wird aber über hundert Jahre geheim gehalten. Erst 1992 erfolgt eine Übersetzung ins Englische. Enthalten sind verschiedene Vorschriften, wie eine jährliche, 19-tägige Fastenzeit, tägliche Pflichtgebete, das Alkoholverbot, die Enterbung von Nichtgläubigen, die Ablehnung des Heiligen Krieges zur Glaubensverbreitung, die Verpflichtung zur Monogamie sowie die Errichtung eines weltweiten Einheitsstaates, etc. Eine aktive Teilnahme an der Politik ist untersagt, Bahá‘i warten auf das Kommen des "Goldenen Zeitalters", in dem die "göttliche Ordnung" verwirklicht werden soll. Es gibt einen eigenen Kalender. Das Jahr hat 365 bzw. 366 Tage, 19 Monate mit je 19 Tagen und 4 bzw. 5 eingeschobenen, zusätzlichen Tagen. Beginn des Jahres ist der 21. März. Gezählt wird seit dem Jahr 1844. Bahá‘i feiern neun Feiertage: den Jahresanfang (21. März), den 21. April, das Ridvan-Fest am 2. Mai, die "Erklärung des Bab" am 23. Mai, die Geburtstage von Bahá‘u‘llah ( 12. November) und von Bab (20. Oktober) sowie die Todestage von Bahá‘u‘llah (29. Mai) und von Bab (9. Juli).


Kult

In Anlehnung an den Islam gibt es fünf Pfeiler der Religion: 1.) das Glaubensbekenntnis (shahada), 2.) das Gebet (salat), 3.) das Fasten (saum), 4.) das Almosengeben (zakat) und 5.) die Wallfahrt (hajj). Den drei täglichen Gebetsübungen gehen rituelle Waschungen voraus, das (freiwillige) Almosengeben in Form von Gemeindesteuern beträgt 19 Prozent des Vermögens, und die Pilgerfahrt führt nach Haifa oder Akka in Israel. Am ersten Tag eines Bahá‘i-Monats findet das "Neunzehntage-Fest" statt. Es gilt als Kern des Gemeindelebens und besteht aus drei Teilen, einer Andacht, einer Beratung und einer Bewirtung. Es gibt einen eigenen Ehe-Ritus. Die Heirat mit Andersgläubigen ist möglich, doch muss sie im bahá‘istischen Ritus erfolgen. Missionsarbeit ist für alle Mitglieder verpflichtend. Für die Aufnahme in die Gemeinschaft gibt es keine Vorbedingungen oder Kenntnisse. Es genügt die Anerkennung Bahá‘u‘llahs durch Unterschrift.


Organisation

Das nach den verschiedenen "Hütern" (siehe oben) 1963 eingesetzte neunköpfige "Universale Haus der Gerechtigkeit" (bait al-‘adl-i a’zam) hat seinen Sitz in Haifa. Dieses Gremium ist mit allen Vollmachten ausgestattet. Es ist kraft der von Gott verliehenen Vollmacht die oberste Instanz und bestimmt, was als unfehlbar gilt. Auf Gemeindeebene agieren "Geistige Räte", denen in jedem Land "Nationale Geistige Räte" übergeordnet sind, die ebenfalls als unfehlbar und nur Gott gegenüber verantwortlich gelten. Es herrscht eine straffe Organisation, Ungehorsam wird mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft bestraft. Ohne Errichtung der Theokratie (Gottherrschaft) gilt die Welt als verloren. Hält man sich nicht an die Lehre der Baha‘i, gilt man ebenfalls als verloren. Ziel ist, die ganze Welt für die Botschaft Baha‘u‘llahs zu gewinnen. Die Devise lautet: "Ein Gott, eine Religion, eine Menschheit, ein weltumspannendes Gemeinwesen". Es gibt keinen geistlichen Stand.


Mitglieder und Rechtsstatus

Es gibt heute rund 6 Millionen Anhänger in ca. 235 Ländern. Somit sind die Bahá‘i neben den Christen eine der weitverbreitetsten Religionsgemeinschaften. In Österreich leben etwa 1.300 Bahá‘i in 152 Orten; es existieren 23 örtliche Geistige Räte in allen Bundesländern. 1959 wurde der erste Nationale Geistige Rat gewählt. Abdul Baha, der Sohn des Gründers, hat sich in Österreich im August 1913 aufgehalten. Der Sitz des Geistigen Rates ist in der Thimiggasse im 18. Wiener Bezirk. Lokale Räte gibt es in Graz, Salzburg, Linz und Innsbruck. Seit 1998 ist die Bahá‘i-Religionsgemeinschaft eine staatlich eingetragene Bekenntnisgemeinschaft und hat somit den Status einer Rechtspersönlichkeit.


Anmerkungen

Die Bahá‘i-Religion sieht alle anderen Religionen als überholt an, deren Gültigkeit durch die Offenbarung Bahá‘u‘llahs hinfällig geworden ist. Deshalb werden Kontakte zu anderen Glaubensgemeinschaften bloß auf dem Hintergrund der Missionierung gesehen.
Diese Offenbarung ist in Stufen geschehen, wonach frühere Propheten wie Krishna, Noah, Mose, Zarathustra, Jesus und Mohammed nur jeweils für ihre Epoche Gültigkeit haben.
Das volle Maß der Wahrheit hat ausschließlich Bahá‘u‘llah als alles überragender Offenbarer gebracht.
Der Mensch gilt zwar als Geschöpf Gottes, er verliert aber das Heil, wenn er nicht die göttliche Führung und Leitung erhält.
Allein das "Universelle Haus der Gerechtigkeit" ist berechtigt, die Schriften authentisch zu interpretieren. Deren Auslegung ist irrtumsfrei.

Bernhard Dobrowsky

Literaturangabe: F. Ficicchia, Der Bahá‘ismus – Weltreligion der Zukunft? Stuttgart 1981; G. Rosenkranz, Die Bahá‘i, U. Schäfer, Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Bahá‘i; S. Effendi, Die Weltordnung Bahá‘u‘llahs; M. Hutter, Der Bahá‘i - Geschichte und Lehre einer islamischen Weltreligion, 1994; K. Poostchi/A. Käfer, Die Bahá‘i-Religion in Österreich, Graz 2001; Internet, Die Bahá‘i-Gemeinden, 2002.