Der Abschied vom Ziegelstein

Wir leben in spannenden Zeiten, wo vieles aus der Balance fällt. Politische, wirtschaftliche und terroristische Erschütterungen – oft verursacht durch wild gewordene Cowboys, die ihre eigenen Gesetze machen - verursachen eine spannungsgeladene Grundstimmung und sorgen – wie das Sturm-Tief Lothar im Jahr 1999- für anhaltend kräftigen Gegenwind.

Einen solchen Sturm erleben derzeit auch die Kirchen. Es ist der Sturm des wachsenden Desinteresses, des Visions-, Geld- und Pfarrermangels und des immer zögerlicheren Engagements gerade der guten Mitarbeiter.

Bei aufkommendem Sturm ziehen wir uns normalerweise in die Sicherheit zurück – oder ergreifen die Flucht nach vorne. Nur: was bietet Sicherheit? Welche Fundamente tragen noch, welches Bauwerk hält stand?

„Wenn der Herr das Haus nicht baut, arbeiten die Bauleute umsonst.“
Die Bibel kennt zwei grundverschiedene Bauprinzipien: 1. einem Bauen nach Gottes Muster, und 2. einem menschlichen Bauen. Wir Menschen denken in der Regel nicht so sehr schwarz und weiss, und kennen daher nicht 2, sondern gleich 3 Bau-Prinzipien: 1. Mischformen von 1 und 2; 2. Mischformen der Mischformen, und 3. vermischte Formen von bereits vermischten Mischfomen.

Wenn Gott baut...
baut er immer nach einem „himmlischen Vorbild“: Der Mensch selber wurde geschaffen „im Ebenbild Gottes“, also nach einem Original aus dem Himmel. Lichtjahre anders als das Konzept eines mutierten und kosmetisch veränderten Primaten.

Noah baute seine Arche nach einem recht detaillierten Bauplan Gottes, in dem Material, Proportionen und sogar die Fenstermasse und eine vermeintlich völlig unpraktische Türplazierung vorgegeben waren.

Die Vision der Stiftshütte hatte Mose „auf dem Berg“: „Und siehe zu dass du es machst nach dem Bild, das du auf dem Berg gesehen hast“. Der Tempel Salomos wurde ebenfalls nach einem Vorbild gebaut, das David an Salomo weitergab, nachdem er es offenbar direkt von Gott so gezeigt bekommen hatte.

Das Prinzip: Ein himmlischer Bauplan, auf die Erde transferiert durch Menschen, die zwischen Himmel und Erde stehen und eine Relaisfunktion haben, wobei das geschaute Original dann praktisch umgesetzt wird von dafür von Gott speziell begabte Menschen, weise Baumeister.

Paulus hat das Evangelium nicht von Menschen übernommen, sondern in einer Offenbarung geschaut hat (Gal 1). Er beschreibt sich selbst als „weisen Baumeister“ (1. Kor. 3,6), Fundamenteleger (Eph. 2,20) des „geistlichen Hauses erbaut aus lebendigen Steinen“ (1. Petr. 2,5), buchstäblich als von Gott begabten Ober-Bauer, einen „Archi-Tekten“ Gottes. Gott, so sagt er, hat in der Gemeinde zunächst die Apostel, dann die Propheten, dann die Lehrer etc. an die Arbeit schickt, in der Reihenfolge der Bauphase, nicht im Sinne einer der Hierarchie (1. Kor. 12,28).

Wenn der Mensch baut...
Der erste Mensch, der in der Bibel etwas baut, ist Kain: er baut die Stadt Enoch, als Fluchtburg vor Gott, nachdem er ein schollenloser Nomade geworden ist.

Bald darauf stossen wir auf den Turmbau zu Babel: „Und sie nahmen Ziegel statt Stein, und Asphalt als Mörtel. Und sie sprachen: Wohlan, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen...“ (1. Mose 11). Ziegel statt Stein! Es ist wie wenn Moses hier sagen möchte: seht, wie weit der von seinem Schöpfer getrennte Mensch geht, er nimmt noch nicht mal das überall frei verfügbare Baumaterial, Steine und Holz, sondern schafft sich sogar sein eigenes Baumaterial. Ziegelsteine, ist denn das zu fassen?!

Das nächste Mal begegnen wir den Ziegelsteinen in Ägypten, als Pharao das Volk Gottes versklavte, um durch sie seine pyramidale Herrscherwelt zu bauen (Ex. 1).

Bleiben wir beim Bild der Ziegelsteine stehen. Ziegelsteine sind ja ach so praktisch. Sie haben 8 Ecken, sind standardisiert und an manchen Orten sicher ISO 9002 zertifiziert, sind numerierbar, austauschbar, Kopien einer Kopie einer menschlichen Kreation, und letztlich ein geistliches Importprodukt aus Babylon. Und: sind damit sind ein Symbol für menschliches Bauen in Rebellion zu Gott. Nichts, aber absolut rein gar nichts, was Gott baut, verlangt nach Ziegelsteinen. Die Stiftshütte wurde aus speziellen Tüchern, der Tempel Salomos aus behauenenen Natur-Steinen und Holz, und der neutestamentliche Tempel gar aus „lebendigen Steinen“ gebaut. Übrigens: schon mal eine Mauer aus „lebendigen Steinen“ gebaut, sagen wir 17-eckige Steine, die just in demMoment die Form verändern, in dem sie eingebaut werden sollen? Ein ziemlich menschenunmögliches Unterfangen. Aber es gibt sie, die Lösung: man nehme originale, lebendige Steine, stecke sie in ein Stanzsystem und mache aus ihnen herrlich kompatible – Ziegelsteine!

Das Prinzip: Man nehme ein Vorbild von der Erde, nicht vom Himmel, nehme einen im Vergleich zu den göttlichen Alternativen bestenfalls unprofessionellen, selbst gebastelten Bauplan, wobei wir uns einreden, dass lange Tradition ein guter Ersatz für das göttliche Original ist. Wir heuern mittelmässige, durch Ausbildungsmuster standardisierte „Architekten“ und irgendeine austauschbare Baukolonne an, nehmen schliesslich standardisierte Ziegelsteine und fügen stupide nach Programm 0-8-15 „Stein auf Stein“.

Und was entstand? Der Sturm bringt es ans Licht. Viele Sandburgen aus nicht umgesetztem Wort Gottes (Matth. 7), immer neue rebellische – in Besserwisserei oder im Affekt entstandene Strukturen, die, würde der Prophet Jeremia noch leben, dieser möglicherweise einreissen, ausreissen, zerstören und ausrotten müsste, bevor irgendetwas Dauerhaftes aufgebaut werden könnte (Jer. 1,10). Es entstanden weggewischte Städte wie Ninive oder das 30 Meter hohe Standbild aus Nebukadnezars Zeiten, das zerblasen wurde „wie Spreu auf der Sommertenne“ (Dan 2). Es entstand die Berliner Mauer, das World Trade Center und Saddam Husseins Traumpaläste.

Ich glaube, dass wir als gesamte Christenheit deswegen einer so vehementen Inflation von Gemeinde-Modellen und Methoden aufgesessen sind, weil wir das göttliche Original, den Zugang zu einer apostolischen Architektur, so restlos verloren haben. Weil wir geradezu besessen sind vom Gedanken an den idealen Ziegelstein, dem geduldigen Material für unseren Kirchentraum. Dem idealen Kirchenmitglied, dem idealen, austauschbaren Universal-Mitarbeiter. Quadratisch, praktisch, tot.

Wir alle werden als Original geschaffen, aber viele enden als Kopie. Gibt es etwas teuflischerers, als dass die Kirche sich da hinein ziehen lässt? Der Heilige Geist hat sich endgültig vom Ziegelstein verabschiedet. Wann tun wir´s?
 

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