Heiligkeit geht vor Glück

von A.W. Tozer

Leitverse: Römer 8,7; 3. Mose 11,44a; 1. Thessalonicher 4,3

Der selbstsüchtige Wunsch nach Glück ist genauso sündig wie jeder andere selbstsüchtige Wunsch. Seine Wurzel ist im Fleisch, das niemals vor Gott bestehen kann.

Die Menschen neigen immer mehr dazu, jede Art des Unrecht-Tuns mit der Begründung zu entschuldigen, dass sie "etwas vom Leben haben wollen". Ehe die junge Dame von heute ihre Einwilligung zur Ehe gibt, fragt sie den Mann direkt, ob er "sie glücklich machen" könne, anstatt sich selbst zu fragen, ob sie ihrerseits ihrem Lebenspartner Glück bringen kann. Die Liebeskummer-Spalten in den Zeitungen triefen von Tränen des Selbstmitleids von Personen, die brieflich anfragen, wie sie "ihr Glück erhalten" können. Die Psychiater werden reich von der ständig wachsenden Zahl von Kunden, die mit großer Mühe durch Beratung von Fachleuten ihr Glück suchen. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass selbst Verbrechen an Personen verübt werden, die die eigene Freude gefährden.

Das heißt die hedonische Philosophie der alten Griechen missverstehen und sie auf das Alltagsleben des 20. Jahrhunderts anzuwenden. Es vernichtet allen Edelmut des Charakters und macht Weichlinge aus all denen, die sich diese Philosophie bewusst oder unbewusst zu eigen machen; aber sie ist das beliebte Glaubensbekenntnis der Massen geworden. Dass wir geboren sind um glücklich zu sein, stellt kaum jemand mehr in Frage. Niemand macht sich jedoch die Mühe zu beweisen, ob gefallene Menschen ein moralisches Recht auf Glück haben oder dass sie im Endeffekt mit Glück besser daran sind. Das Einzige, worum es geht, ist die Frage: Wie hole ich am meisten Glück aus dem Leben heraus? Fast alle volkstümlichen Bücher und Spiele setzen voraus, dass persönliches Glück das rechtmäßige Ziel des menschlichen Strebens sei.

Nun gebe ich ja zu, dass die ganze hektische Jagd nach Glück genauso wie die Jagd nach Geld oder nach Ruhm oder Erfolg ein Übel ist. Es entspricht einem grundlegenden Missverständnis unserer selbst und unserer wahren moralischen Stellung. Der Mensch, der sich selbst kennt, kann niemals an sein Recht auf Glück glauben. Ein flüchtiger Blick auf sein eigenes Herz wird ihm diese Illusion sofort nehmen. Er wird dadurch eher geneigt sein, sich gegen sich selbst zu wenden und Gottes Urteil über sich als gerecht anzuerkennen. Die Lehre von dem unveräußerlichen Recht des Menschen auf Glück ist antigöttlich und antichristlich, und ihre allgemeine Annahme durch die Gesellschaft sagt uns eine Menge über diese selbe Gesellschaft.

Die Wirkung dieses modernen Hedonismus ist auch unter dem Volk Gottes spürbar. Das Evangelium wird zu oft präsentiert als ein Mittel, glücklich zu werden oder um Frieden oder Sicherheit zu finden. Es gibt sogar Gläubige, die die Bibel zur Entspannung benutzen, so als wäre sie eine Arznei.

Wie weit all das falsch ist, kann man leicht herausfinden, wenn man einfach das Neue Testament einmal nachdenkend durchliest. Dort liegt die Betonung nicht auf Glück, sondern auf Heiligkeit. Gottes Sorge gilt mehr dem Zustand des Herzens eines Menschen als seinen Gefühlen. Ohne Zweifel bringt der Wille Gottes den Gehorsamen Glück, aber wichtig ist nicht, wie glücklich, sondern wie heilig wir sind. Der Soldat sucht auf dem Kampffeld nicht Glück, er sucht vielmehr den Kampf zu bestehen, den Krieg zu gewinnen und zu seinen Lieben nach Hause zu kommen. Dort darf er sich in vollem Maße erfreuen; aber solange der Krieg andauert, ist seine große Sorge, ein guter Soldat zu sein und seinen Mann zu stehen, ohne Rücksicht darauf, wie er sich fühlt.

Das kindische Geschrei nach Glück kann ein richtiger Fallstrick werden. Man kann sich leicht betrügen, indem man eine religiöse Freude kultiviert ohne ein damit übereinstimmendes tugendhaftes Leben. Niemand sollte nach Glück begehren, der nicht zu gleicher Zeit heilig ist. Gottes Willen zu kennen und zu tun, sollte das Begehren des Menschen sein, während er sein Glücklichwerden Christus überlässt.

Für alle diejenigen, die diese ganze Sache ernst nehmen, habe ich einen Vorschlag: Geh zu Gott und werde mit Ihm einig. Sag Ihm, dass es dein Wunsch ist, um jeden Preis heilig zu sein und bitte Ihn, dir niemals mehr Glück als Heiligkeit zu geben. Wenn deine Heiligkeit befleckt wird, soll auch deine Freude weniger werden. Und bitte Ihn, dich heilig zu machen, ob du glücklich bist oder nicht. Du kannst im Endeffekt gewiss sein, dass du so glücklich wirst, wie du heilig bist. Aber lass es zuerst dein ganzes Bestreben sein, Gott zu dienen und Christus ähnlicher zu werden. Wenn wir eine solche Einstellung wagen, dürfen wir einen neuen Grad innerer Reinigung erwarten.

Und da Gott so ist, wie Er ist, werden wir wahrscheinlich ebenso wohl einen neuen Grad des Glücks kennenlernen, jedoch eines Glücks, das aus einer engeren Gemeinschaft mit Gott entspringt, eines Glücks, das in frohe Stimmung versetzt und selbstlos und frei ist von den Befleckungen des Fleisches.
 

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